Taskforce Strukturwandel des Landkreises Görlitz zieht Bilanz zu Aktivitäten und Projekten im Transformationsprozess Lausitz

Die Taskforce Strukturwandel (Tafo) des Landkreises Görlitz legt nach vier Jahren ihre erste Bilanz vor. In einer der vom Kohleausstieg am stärksten betroffenen Regionen war die Tafo 2021 bei der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz (ENO) mbH eingerichtet worden – als zentrale Anlaufstelle für Kommunen, Unternehmen und Initiativen, um den Wandel aktiv zu gestalten. Wie das Fazit ausfällt und welche Projekte zu den sichtbaren Erfolgen des Wandels in der (Ober-)Lausitz gehören.

pm / Jannis Simons

In dem Bericht heißt es u.a.: „Seit Beginn der Arbeit der Taskforce Strukturwandel im Mai 2021 haben 1354 Kommunal- und Projektberatungen und 77 Beteiligungsformate stattgefunden. Dabei wurden 1161 Teilnehmer erreicht und 325 Projektideen geprüft, entwickelt oder bis zur Antragsstellung begleitet. Durch die TOP 30 der bearbeiteten Projekte entstanden mindestens 171 Arbeitsplätze und 136 weitere Arbeitsplätze wurden gesichert. Durch die begleiteten und aktiv entwickelten Projekte wurden ca. 110 Millionen (Mio.) Euro Fördermittel durch unsere Unterstützung im Landkreis Görlitz bewilligt, weitere 41 Mio. Euro befinden sich im Beantragungsstatus. Mehr als die Hälfte dieser sind bereits bewilligt, weitere befinden sich noch im Antrags- und Genehmigungsprozess (Stand 10/2023). Dies zeigt, dass der Unterstützungsbedarf vor Ort sehr hoch ist und durch die Arbeit der Taskforce eine positive Entwicklung ermöglicht. […]“

Von der Idee zur Umsetzung: Greifbare Projekte für die Oberlausitz

Die Tafo hat vielfältige Vorhaben begleitet und teilweise initiiert. Zu den sichtbaren Erfolgen zählen u. a.:

DaVinci-Operationsroboter und zweiter Linksherzkatheter-Messplatz am Klinikum Görlitz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung:

  • Mit dem DaVinci-Roboter und dem zweiten Linksherzkatheter-Messplatz wurden – mit finanzieller Unterstützung durch die Richtlinie Investitionsgesetz Kohleregion – innovative und hochmoderne Medizingeräte angeschafft und die medizinische Versorgung damit verbessert. Das roboterassistierte DaVinci-Chirurgie-System wird in den Bereichen Urologie und Gynäkologie für minimalinvasive Operationen eingesetzt. Für die Bedienung des Roboters entstehen mit der Investition 13 Arbeits- und sechs Ausbildungsplätze. Der Linksherzkatheter-Messplatz erweitert das Angebot der Stroke-Abteilung in der Gefäßchirurgie deutlich. Das Klinikum stellt sich somit frühzeitig dem demographischen Wandel und untermauert seine Vorreiterrolle als Schwerpunktversorger. Auch hier entstehen mit der Investition weitere 15 Arbeitsplätze. Beide Projekte wurden durch die Taskforce mit Beratungstätigkeiten zur Richtlinie Investitionsgesetz Kohleregion (InvKG) begleitet. Die Fördersummen aus der Richtlinie InvKG belaufen sich auf 1,737 Mio. und 2,47 Mio Euro.

Gesundheitszentrum Boxberg:

  • Die Gemeinde Boxberg/O.L. möchte ein zentral gelegenes Gesundheitszentrum als zukunftsweisendes Element der Daseinsvorsorge bauen. Das Zentrum entsteht auf einer bereits bebauten und im Gemeindeeigentum befindlichen Fläche am Bärwalder See mit insgesamt 3.500 m² auf drei Etagen. Im Gesundheitszentrum werden 3 Praxen für Allgemeinmediziner, eine Facharztpraxis, eine Physiotherapie mit Fitnessstudio, eine Apotheke sowie Plätze für seniorengerechtes Wohnen und Tagespflege integriert. Die Taskforce hat auch dieses Projekt bzw. dessen Antragsstellung aktiv durchgeführt. So konnte die Fördersumme über das Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG) von 9,26 Mio. Euro bewilligt werden.
So könnte das zukünftige Gesundheitszentrum Boxberg/O.L. einmal aussehen. Mehr zum Projekt und zu den vielen Vorteilen einer zukünftigen medizinischen Stelle in der Gemeinde Boxberg gibt es hier zu erfahren.
Quelle: Architekten BDA RDS Partner

Gesundheitszentrum Schleife:

  • Die Gemeinde Schleife als Projektträger errichtet in zentraler Lage ein Gesundheitszentrum für Allgemeinmediziner, Telemedizin und präventive Angebote als zentrales Element der Daseinsvorsorge im Gemeindegebiet. Eines im Besitz der Gemeinde befindliches ortsprägendes Bestandsgebäude wird dabei aus seinem derzeitigen Leerstand zu einem Gesundheitszentrum umfunktioniert. Zusätzlich wird ein Anbau, welcher den barrierefreien Zugang zu den Praxen ermöglicht, errichtet. Damit sollen Arbeitsplätze im medizinischen Bereich geschaffen sowie erhalten werden und die Attraktivität des Standortes maßgeblich gesteigert werden. Die Taskforce Strukturwandel hat die Antragsstellung aktiv begleitet. Dadurch konnten 3,9 Mio Euro über die Richtlinie InvKG bewilligt werden.

Neue Mehrzweckhalle im KIEZ Querxenland Seifhennersdorf für den Ausbau der touristischen Infrastruktur:

  • Das KIEZ Querxenland bekommt eine Mehrzweckhalle, welche die Attraktivität der multifunktionalen Gruppenunterkunft steigert. Die Halle bietet Platz für Kultur-, Bildungs- und Sportveranstaltungen. Zudem wird der Küchenbereich und der Raum für die Speisenversorgung vergrößert und modernisiert. Das geplante Gebäude hat ein modernes Erscheinungsbild hinsichtlich Gebäude- und Dachgestaltung, einen offenen und einladenden Eingangsbereich sowie den deutlich erkennbaren barrierefreien Zugang. Über die Richtlinie InvKG wurden insgesamt 17,5 Millionen Euro an Zuwendungen genehmigt. Die Grundsteinlegung ist im Frühjahr 2025 erfolgt.
Das Kinder- und Erholungszentrum (KiEZ) Querxenland in Seifhennersdorf will saisonverlängernde Angebote schaffen. Mit Geldern aus dem Strukturfördertopf entsteht derzeit ein neues Mehrzweckgebäude. Foto: T. Keil

Prima+ÖV-Projekt als neue Mobilitätslösung im ländlichen Raum:

  • Ländliche Regionen stehen vor der Herausforderung, Menschen mit geringerem Einkommen eine Mobilitätsteilhabe ohne Pkw zu ermöglichen. Der liniengebundene Verkehr ist hierfür häufig nicht ausreichend. Mit PriMa+ÖV wird eine intelligente Integration von privaten Angeboten (Ride-Sharing, Taxi-Flotte, soziale Fahrdienste) mit dem ÖV entwickelt und die Auswirkungen auf die soziale Teilhabe evaluiert. Die entwickelte Software-Lösung wird vollständig quelloffen zur Verfügung stehen und ist regional/national übertragbar. Die Methodik zur Evaluation und Bewertung der sozialen Teilhabe kann genutzt werden, um deutschlandweit Probleme zu identifizieren. Die Taskforce hat an der Projektentwicklung mitgewirkt, Partner vernetzt und die Antragsstellung erarbeitet. Dadurch konnte ein Fördervolumen von 2,5 Mio. Euro bewilligt werden.
Stephanie Bierholdt (links) begrüßt hier Exkursionsteilnehmer im Sorbischen Kulturzentrum Schleife traditionell mit Brot und Salz. Foto: Becker

SorbIT! – sorbische Innovation durch Digitalisierung zum Erhalt und Förderung der sorbischen Kultur:

  • Das Projekt „SorbIT!“ ist eine Initiative der Verwaltungsgemeinschaft Schleife zur Förderung und Revitalisierung der sorbischen Sprache und Kultur in der Region. Viele Ideen, die auf ehrenamtlichen Schultern liegen und die nachhaltige Entwicklung derer waren hier oft eine Herausforderung. Darum habe die Tafo gemeinsam mit den Bürgermeistern der Verwaltungsgemeinschaft und in Abstimmung mit den Akteuren der Region dieses Projekt im Rahmen der Förderung „Sorbische Sprache und Kultur im Strukturwandel“ der Stiftung für das sorbische Volk entwickelt und den Antragsprozess umfangreich begleitet. Ziel ist die Bewahrung, Revitalisierung und touristische Entwicklung der sorbischen Kultur und Sprache. Für die Umsetzung dieses Projektes wurden im Januar 2025 vier Vollzeitäquivalente bewilligt. Das Gesamtbudget für dieses Projekt beläuft sich auf ca. 1,5 Mio. Euro für den gesamten Zeitraum von 2025 bis 2029.

Co-Working Space Rietschen für die Schaffung moderner Arbeitsmöglichkeiten:

  • Die Gemeinde Rietschen errichtet in zentraler Ortslage einen Coworking Space, welcher verschiedenen Akteuren die Möglichkeit bietet, moderne und innovativ ausgestattete Arbeitsplätze zu nutzen. Dazu wird ein dreigeschossiges, denkmalgeschütztes Bestandsgebäude entkernt, umfassend saniert und mit einem Anbau versehen. Bis zu 20 moderne Arbeitsplätze und ein Event-Bereich entstehen. Im Dezember 2024 wurde der Förderbescheid über 2,9 Millionen Euro aus der Richtlinie InvKG übergeben.

Findlingspark Nochten

  • Das Projekt hat mehrere positive Einflüsse auf die touristische Entwicklung der Gemeinde Boxberg O./L. und der Region. Der Park wird attraktiver durch eine Naturbühne mit Dach, einem Spielbereich und der Errichtung eines Eingangsgebäudes und damit in seiner Position als touristisches Ziel gestärkt. Es ergeben sich zusätzliche Einnahmequellen und im Rahmen der Investition werden die 14 bestehenden Arbeitsplätze gesichert, zwei neue entstehen. Über die Richtlinie InvKG wurden ca. 2,38 Millionen Euro bewilligt.
Der Findlingspark Nochten im Zeichen der Rhododendronblüte.
Foto: Hans-Peter Berwig

EnviroPlast

  • Als Teil der bioökonomischen Wertschöpfung in der Lausitz leistet EnviroPlast einen wichtigen Beitrag zur Herstellung und Nutzung nachhaltiger, technischer Kunststoffe aus biogenen Reststoffen. Diese werden vorrangig für die Fahrzeug- und Bauindustrie benötigt. In dem Projekt sind die Hochschule Zittau/Görlitz, das Fraunhofer IWU und ein Dutzend weiterer Partner involviert. Das Projekt wurde 2022 mit einem Umfang von 12 Mio. Euro für die Oberlausitz bewilligt.

Ein zentrales Ergebnis ist zudem das „Energiegesamtkonzept“ für den Landkreis Görlitz – eine umfassende Strategie für Energie- und Netzausbau, die als Grundlage aktueller Förderbemühungen dient.

Zwischen Anspruch und Realität: Hürden im Wandel

„Viele gute Ideen scheitern nicht am Willen, sondern an fehlenden Kapazitäten und komplexen Verfahren. Genau hier unterstützen wir als Taskforce – mit Know-how, Netzwerken und dem Blick für das Machbare“, unterstreicht Tina Friebe, Projektleiterin Taskforce Strukturwandel.

Wissen teilen – Zukunft gestalten

Die Tafo stellt ihr Know-how breit zur Verfügung:

  • Neun praxisnahe Leitfäden, u. a. zu erneuerbaren Energien, Nahversorgung, nachhaltigen Gewerbegebieten und zukunftsfähiger Mobilität
  • Die vollständig produzierten SPEED-Tutorials zur Projektentwicklung und Fördermittelberatung – abrufbar unter www.sichtwechsel-zukunft.de
Tina Friebe, Projektleiterin Taskforce Strukturwandel innerhalb der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz (ENO) mbH. Foto: ENO

Menschen im Landkreis Görlitz im Fokus

Die Menschen im Landkreis stehen im Zentrum der Tafo-Arbeit. Ihre Ideen flossen in Workshops, Interviews, Innovationswerkstätten und Lausitz-Cafés ein. Als Brückenbauerin zwischen Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft begleitet die Tafo die 53 Kommunen bei der Umsetzung ihrer Vorhaben und schaffe so nach eigenen Angaben eine neue regionale Innovationskultur.

Ausblick

„Die Region hat enormes Potenzial – und mit der Taskforce ein starkes Instrument, das Orientierung gibt, Akteure vernetzt und Ideen in Umsetzung bringt“, so Tina Friebe. Auch künftig werde der Fokus auf strategisch wirksamen Projekten liegen, die regionale Wertschöpfung stärken, Nachhaltigkeit fördern und damit Zukunftsperspektiven für die Menschen schaffen, heißt es im Abschlussbericht der Tafo.

Der vollständige Abschlussbericht ist unter: www.sichtwechsel-zukunft.de abrufbar.

Auch die brandenburgische Lausitz zog Bilanz zu den bisherigen Aktivitäten im Strukturwandel der Lausitz. Welche Bilanz dort gezogen wird, lesen Sie hier.

STARK für die LAUSITZ als Magazin ist frei erhältlich in vielen regionalen Auslagestellen in der Ober- und Niederlausitz und online als E-Paper hier.

Ihr Kontakt: Jannis Simons – +49 151 61059196 – E-Mail: Jannis.Simons@n-pg.de

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