Made in Cottbus – Lausitz statt Stuttgart, München oder Wolfsburg
Eine Frage, die man sich vielleicht eher in Stuttgart, München oder Wolfsburg stellen sollte – beantwortet wurde sie nun aber in Cottbus. Denn hier, in der Lausitz, hat ein regionales Unternehmen etwas getan, was die großen Hersteller bislang nicht getan haben: den realen Standverbrauch eines LKWs unter Technik- und Praxisbedingungen neu vermessen.
C.M. Schwab
Die Negus Transporte GmbH aus Cottbus hat gemeinsam mit dem AHC Autohaus Cottbus und wissenschaftlicher Begleitung durch Prof. Sylvio Simon (BTU Cottbus-Senftenberg) untersucht, was ein moderner Truck im Stand tatsächlich verbrennt – und was davon künftig eingespart werden kann.
Die Messung war bewusst „brutal ehrlich“:
Nicht der Bordcomputer lieferte Werte, sondern das reine Diesel-Gewicht.
Drei Stunden Laufzeit, 15 kg rein, (entspricht 17 Liter Diesel) 3,9 kg raus (entspricht 3,9 Liter Diesel). Klare Zahlen, klare Folgen.
Alexander Gucz, Entwickler des Negus Comfort Boosters, sagt dazu: „Wir wollten eine harte Zahl – nicht ein Display, sondern eine Messung über das tatsächliche Dieselgewicht. Nur so lässt sich der reale Verbrauch und der CO₂-Wert eindeutig bestimmen.“
Neben Diesel und CO₂ wurde auch die Lärmbelastung untersucht – ein Punkt, der für Fahrer und Verkehrssicherheit enorm relevant ist.
Zwei laufende Motoren (Zugmaschine + Kühlaggregat) erzeugen Werte, die deutlich über den gesetzlichen Vorgaben für erholsamen Schlaf liegen.
Mit dem Comfort Booster kann der LKW-Motor im Stand abgeschaltet werden – die Lärmbelastung halbiert sich sofort.
Vor diesem Hintergrund hat Prof. Simon den Versuch bewertet und spricht im Interview ungewöhnlich offen über:
- die übersehene Verschwendung im Standbetrieb,
- die tatsächlichen Belastungen der Fahrer,
- und die Frage, warum eine Lausitzer Lösung dort ansetzt, wo große Hersteller bislang keine praktikable Antwort liefern.
Er sagt unter anderem: „Ein moderner LKW verbraucht selbst im Leerlauf erheblich Kraftstoff – nur um sich selbst am Laufen zu halten. Die Lösung von Negus ist technisch sauber und in der Realität wirksam.“
Das vollständige Interview zeigt, wie viel praktisches Potenzial in dieser regionalen Innovation steckt – und warum die Lausitz an vielen Stellen bereits heute Antworten entwickelt, die die Logistik von morgen braucht.



Interview mit Prof. Sylvio Simon, Inhaber der Professur Werkzeugmaschinen an der BTU Cottbus-Senftenberg
Weswegen sind Sie heute hier?
Prof. Simon: Wir erfassen heute den Kraftstoffverbrauch eines LKWs im Stand – eines Verbrauchs, der künftig hoffentlich nicht mehr notwendig ist.
Warum nicht mehr notwendig?
Die Idee der Firma Negus ist, dass das Aggregat der Kühlmaschine den LKW mit Strom versorgt. Also genau der Strom, der im Stand fehlt, weil der Motor aus ist und die Batterie kaum nachgeladen wird.
Was ist Ihre Rolle dabei?
Ich schaue mir den Versuchsaufbau an. Es geht darum, dass wir technisch korrekte Bedingungen haben und die reale Situation eines LKWs im Standbetrieb nachstellen.
Wir haben den Kraftstoffverbrauch separiert, nehmen Vor- und Rücklauf aus demselben Gefäß und erfassen das Gewicht über die Zeit exakt.
Welches Potenzial steckt aus Ihrer Sicht in dieser Lösung?
Das Potenzial lässt sich schwer auf die gesamte Branche hochrechnen, weil ich nicht im Güterverkehr zuhause bin. Aber für dieses System kann ich es bewerten:
Wir haben einen LKW-Motor mit rund 500 PS. Selbst im Leerlauf verbraucht er erheblich Kraftstoff – nur um sich selbst am Laufen zu halten.
Der Verbrennungsmotor der Kühlmaschine ist deutlich kleiner und braucht viel weniger Kraftstoff. Die etwa 500 Watt elektrische Leistung zusätzlich verursachen vielleicht einen Mehrverbrauch von rund einem halben Liter pro Stunde.
Der LKW selbst braucht im Stand 1,6 bis 2 Liter pro Stunde – also mindestens das Dreifache.
Ein weiterer Vorteil: Das Kühlaggregat ist separat gedämmt. Es liegt nicht unter der Schlafkoje. Der Fahrer hat es in der Pause deutlich ruhiger.
War Ihnen das Problem der Standzeiten und der Belastung für die Fahrer vorher bewusst?
Nein. Ich bin davon ausgegangen, dass ein moderner LKW seinen Energiebedarf deckt. Mir waren die Lebensbedingungen der Fahrer nicht klar.
Wer macht sich schon Gedanken darüber, dass der Fahrer das Wochenende auf einem überfüllten Rastplatz verbringt und dort faktisch wohnt? Das geht an der Bevölkerung vorbei.

Ist das der Grund, warum ein Praktiker wie Alexander Gucz überhaupt auf die Idee gekommen ist – erst für das Fahrerwohl, und erst später für Diesel- und CO₂-Einsparungen?
Ja, genauso. Der Praktiker schaut, wo der Schuh drückt. Meine Aufgabe ist es nur, die Versuchsbedingungen zu prüfen. Und ich kann sagen: Ich hätte es genauso aufgebaut.
Überrascht es Sie, dass die großen Hersteller diese Lösung nicht längst gefunden haben? Allein wegen des Spareffekts?
Das ist schwer zu beantworten. Der Markt besteht aus LKW-Herstellern, Aufliegerherstellern und Speditionen. Da verlaufen mehrere Grenzen – und nicht immer kommen die Interessen zusammen.
Vielleicht ist die Verbesserung der Fahrerbedingungen auch schlicht kein prioritäres Ziel.
Und: Eigentlich wäre diese Lösung gar nicht nötig, wenn Rastplätze ausreichend mit Strom versorgt wären. Aber davon sind wir sicher noch ein Jahrzehnt entfernt.
Können Sie sich vorstellen, dieses Thema längerfristig wissenschaftlich zu begleiten? Oder ist der heutige Termin eher ein einmaliger Einsatz?
Aktuell sehe ich meinen heutigen Termin als Teil einer kurzen Phase. Wenn weiterer Bedarf entsteht – sei es seitens Negus oder etwa vom Bundesverkehrsministerium, das diese Nachrüstlösung ja positiv bewertet – dann bringe ich mich gern ein.
Die Lösung gilt derzeit nur für LKWs mit Kühlaufliegern. Könnte man sie auch auf andere Trucks übertragen?
Man kann sicher Lösungen finden, auch für andere Fahrzeuge.
Aber grundsätzlich wäre mir eine massive Elektrifizierung der Parkplätze lieber. Die jetzige Lösung hat ihre Berechtigung – aber sie ist eine Zwischenlösung, weil wir mit dem Ausbau der Infrastruktur nicht hinterherkommen.
Über Negus Transporte:
Die Negus Transporte GmbH mit Sitz in Cottbus ist ein mittelständisches Logistikunternehmen mit Fokus auf temperaturgeführte Transporte in Deutschland und Europa. Neben einem modernen Fuhrpark entwickelt das Unternehmen praxisnahe technische Lösungen zur Steigerung von Energieeffizienz und Fahrerkomfort – wie den Negus Comfortbooster, der zum Patent angemeldet wurde.