Homeoffice für Baggerfahrer – Made in Lausitz?
Auf dem Gelände der Versorgungsbetriebe Hoyerswerda wurde kürzlich gezeigt, wie es gehen könnte: Die Baustelle der Zukunft – mit Roboterbaggern, Drohnen, 5G und Bauarbeitern, die das Geschehen aus der Ferne überwachen. Entwickelt und erprobt in der Lausitz und schon bald in ganz Deutschland angewendet?
Henry Gbureck/jas
Ein extrem verregneter Tag in Hoyerswerda, es schüttet seit Stunden wie aus Kübeln. Eigentlich ist das genau das Wetter, bei dem Pressetermine in einen warmen Raum verlegt oder gleich abgesagt werden. Heute nicht, denn bei diesem Termin spielt das Wetter schlichtweg keine Rolle.
Auf einer 6.400 Quadratmeter großen Freifläche vor dem Gebäude der Hoyerswerdaer Versorgungsbetriebe wird Zukunft gezeigt und geschrieben, denn heute ist der große Tag, an dem dutzende Wissenschaftler der Technischen Universitäten (TU) Dresden und München gemeinsam mit 22 Unternehmen aus der Maschinen- und Kommunikationstechnologie eine vollständig vernetzte und automatisierte Baustelle vorstellen – quasi das Ergebnis ihrer dreijährigen Forschungsarbeit auf dem Gelände der Versorgungsbetriebe Hoyerswerda präsentieren. Und die Kulisse ist beeindruckend, auch rings um die eigentliche Demo-Baustelle: Unter einem dutzend Zeltdächern präsentieren sich die 22 Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die ihr ganz spezielles Fachwissen in die Baustelle der Zukunft eingebracht haben.

Foto: Henry Gbureck
»Was wir hier zeigen, ist die Zukunft«
Bis zur Baustellenführung und einer praktischen Präsentation ist es noch ein wenig Zeit, daher suchen wir das Gespräch mit den Fachleuten und stellen Fragen, die sich bei der Vision einer vollvernetzten, roboterdominierten Baustelle aufdrängen: Wann werden die Baggerfahrer von heute überflüssig bzw. steuern ihr Gerät im Homeoffice? »Was wir hier zeigen, ist die Zukunft«, erklärt einer der umstehenden Fachleute von der TU Dresden. »Und bis diese Zukunft Realität wird, bis eine vollvernetzte Baustelle mit robotergesteuerten Baumaschinen tatsächlich nur noch von wenigen Menschen überwacht werden muss, liegt noch eine Menge Forschungs- und Entwicklungsarbeit vor uns.«
Wie komplex die vielen, einzelnen Komponenten einer solchen Roboter-Baustelle sein können und teilweise auch schon sind, zeigt Dirk Stachorra, ebenfalls von der TU Dresden. Er beginnt seine Präsentation vor dem Herzstück einer Zukunfts-Baustelle, einem Container, prall gefüllt mit Kommunikationstechnik. Über »Nora«, WiFi und ein speziell entwickeltes 5G-Campusnetz werden hier alle Maschinen einer Baustelle vernetzt. »Wir sind dabei, eine ganz besondere Logistik zu ermöglichen. Jeder einzelne Baudienstleister soll mit seiner Applikation genau das bekommen, was er für seine Maschinen und Prozesse braucht«.
Wie sicher ist das Netzwerk?
Wir fagen nach: Besteht bei diesen hochkomplexen Netzwerken nicht die Gefahr, dass Hacker auf die Idee kommen, die Bagger einfach mal digital zu kapern und nach ihren Vorstellungen buddeln zu lassen? »Dies ist fast unmöglich, da es sich hier um ein geschlossenes Netzwerk handelt.« Fast unmöglich? »Nunja, sollte ein Baudienstleister für seine Maschine Daten aus einer Cloud – und damit eine Verbindung ins Internet – brauchen, besteht schon ein gewisses Risiko. Doch genau dafür ist es eine Baustelle der Zukunft, ein fortwährender Prozess, bei dem noch viel geforscht und entwickelt wird.
Bauarbeiter werden auch in Zukunft noch gebraucht
Immerhin, bei der praktischen Präsentation auf einer realen Kanalbaustelle mit robotergestütztem Mobilbagger, Radlader und Ladekran kann man erahnen, was für Forschungs- und Pionierarbeit bereits geleistet wurde. Wie von Geisterhand wird ein Graben für ein Kanalrohr ausgehoben, das Rohr wird vollautomatisch angeliefert und verlegt. Beeindruckend. Dennoch, so sind sich alle Experten sicher, werden auch in Zukunft noch reale Bauarbeiter gebraucht. Doch die sitzen dann nicht mehr »nur« auf einem Bagger, sondern überwachen gleich mehrere Geräte – vielleicht irgendwann sogar vom Homeoffice aus.
Über das 5G Lab Germany – Forschungsfeld Lausitz
Auf Seiten der TU Dresden zu diesem Projekt heißt es: »Ziel des Vorhabens ist es, in der Lausitz eine bundeslandübergreifende 5G-Modellregion zur Erforschung und Erprobung von 5G-Technologien und 5G-Anwendungen für teleoperiertes, automatisiertes und kooperatives Bauen, Fahren und Fliegen zu errichten und zu betreiben.
In Sachsen bietet Hoyerswerda u.a. Raum für die Entwicklung und Erprobung eines Konzepts für vernetzte Baumaschinen. Durch den Einsatz einer mobilen Campusnetz-Lösung sollen sich verändernde und wandernde Baustellen über die gesamte Bauphase und über alle Bauabschnitte hinweg mit einem Mobilfunknetz sicher und zuverlässig versorgt werden. Durch diese Erprobungen soll ein 5G-Anwendungspark mit Schaufenstercharakter geschaffen werden, der als Impulsgeber und Treiber dient, um den Strukturwandel in der Lausitz sowohl in wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Hinsicht zügig voranzubringen.
Die Region wird so auch mit neuem Know-how und Angeboten ausgestattet. Insbesondere konservative Industrien wie die Bauindustrie, die Fahrzeugindustrie und das Flugwesen stehen durch die Digitalisierung vor großen Veränderungen. Aus diesem Grund wurden diese drei Industrien gewählt, um in der Lausitz einen Nukleus zu etablieren, in dem diese Branchen grundlegende Untersuchungen auf Basis einer 5G-Infrastruktur und neuester Forschungsergebnisse aus den Bereichen industrielle Cloud- und Kommunikationstechnologien durchführen können.
Weiterführende Informationen finden Sie unter 5G Lab Germany Forschungsfeld Lausitz.
Das Projekt wird im Rahmen der Forschungsinitiative 5x5G Innovationswettbewerb durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr mit 6.960.467,61 Euro gefördert.«
Foto Titelbild: Henry Gbureck