Der Campus IBA-Terrassen am Großräschener SeeFoto: LMBV/Steffen Rasche

Großräschen – Seestadt mit starkem Mittelstand und jeder Menge Potenzial im Lausitzer Strukturwandel

Industrieansiedlung, Freigaben zur Nutzung des eigenen Sees, Einweihung der Tourist-Information und weitere geplante Investitionen und Projekte in der ‚Pipeline‘: Die Stadt Großräschen im Landkreis Oberspreewald-Lausitz verschafft sich im Strukturwandel der Lausitz ordentlich Gehör. Über die aktuellen Projekte und zukünftigen Entwicklungen sprachen wir mit dem Bürgermeister, Thomas Zenker.

Aus der Herbstausgabe des STARK für die LAUSITZ-Magazins 2024

Herr Zenker, wie beurteilen Sie die Entwicklungen ‚ihrer‘ Stadt im Strukturwandel und wie nehmen sie die aktuelle Stimmungslage wahr?

Die VTG-Ansiedlung im ‚Gewerbegebiet Sonne‘ steht beispielhaft für die tolle wirtschaftliche Entwicklung, die alle vier Gewerbegebiete der Stadt Großräschen genommen haben. Die Teilfreigabe für Boote und die Freigabe zur Badenutzung diesen Sommer am Großräschener See waren weitere wichtige Fortschritte. Die Stadt Großräschen sendet aktuell einige positive Signale, wenngleich die Erwartungshaltung hier in der Region auch sehr hoch ist.

Die Stadt Großräschen saniert für rund 25 Millionen Euro mit Mitteln aus dem Strukturwandeltopf den „Campus IBA-Terrassen“. Was sind die konkreten Pläne und wie laufen die Bauarbeiten?

Diese Sanierung ist ein Großprojekt mit vielen Einzelbausteinen. Der erste Bauabschnitt ist mit der neu entstandenen Tourist-Info abgeschlossen. Die IBA-Terrassen wurden im Zuge der Internationalen Bauausstellung im Jahr 2004 eingeweiht. Dazu gehören die Häuser 1- 3, die damals nur zu Ausstellungszwecken konzipiert wurden und jetzt fit für die Zukunft gemacht werden.
Im ‚Haus 1‘ soll die Gastronomie erhalten bleiben, die bereits heute eine beliebte Ausflugsstelle für Ausflügler ist. Hier wird die Küche ausgebaut und modernisiert. Im Herbst dieses Jahres haben hier die Arbeiten begonnen.
‚Haus 2‘ wird zum Co-Working-Space ausgebaut. Es gab schon viele Anfragen, wo es olche „Mietbüros“ in Großräschen geben könnte.
‚Haus 3‘ wird zu einem hochmodernen und funktionalen Tagungsort mit Klima- und Belüftungstechnik sowie ausreichenden Lagerräumen umgebaut. Schon zuletzt gab es in den Häusern 2 und 3 bis zu 60 Veranstaltungen im Jahr.

Eine Zwischennutzungsvereinbarung zwischen der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), der Stadt Großräschen und dem Zweckverband Lausitzer Seenland Brandenburg, eine Haftungs- und Einverständniserklärung der Stadt gegenüber der LMBV sowie die Erteilung einer wasserrechtlichen Ausnahmegenehmigung zum Befahren nicht schiffbarer Gewässer mussten vor der Teilfreigabe des Großräschener Sees kurz vor Pfingsten dieses Jahres unterzeichnet werden. Foto: Simons

Ein reiner Neubau wird die ‚Energiewerkstatt‘ hinter dem Hotel. Sie soll als das moderne ‚Heizkrafthaus des 21. Jahrhunderts‘ das Gesamtareal mittels Wärmepumpe mit Eisspeicher, Rückkühlwerk und erneuerbarer Energie über ein Nahwärmenetz versorgen. Sie soll zudem die moderne Energiegewinnung auf Wasserstoffbasis und Photovoltaik zeigen. In einer Experimentierzone werden innovative Möglichkeiten der Energiegewinnung und –nutzung für Kinder und Jugendliche spielerisch erlebbar gemacht. Damit wird sie auch für Schulungen nutzbar. Mit der Fertigstellung aller beschrieben Bauprojekte ist Ende 2026 bis Anfang 2027 zu rechnen.

Welche Projekte sind außerhalb dieses Großprojektes „IBA-Terrassen“ noch alles geplant?

Die Teilfreigabe des Sees, die erst für 2026 geplant war, hat gezeigt, dass die gesamte Infrastruktur weiterentwickelt werden muss. Funktionsgebäude wie Toiletten, Aufenthaltsräume für Rettungsschwimmer, die Medienerschließung oder auch barrierefreie Strandzugänge müssen geschaffen werden. Dafür hoffen wir auf weitere Fördermittel durch das Strukturstärkungsgesetz. Im Stadtgebiet verfolgen wir größere
Straßenbauvorhaben
. Ganz oben auf unserer Projektliste steht aber die Kita Spatzennest.

Die Lok V60 Ost mit dem Namen Großräschen rangiert seit November 2023 die Güterwagen im Güterwagenzentrum der VTG in Großräschen. Sven Wellbrock, Chief Operating Officer Europe & Chief Safety Officer bei VTG und Bürgermeister Thomas Zenker (rechts) auf der Lok. Foto: Steffen Rasche

Was wird den Neubau für die Kita Spatzennest auszeichnen? Wie ist da der aktuelle Stand der Dinge?

Die Bauarbeiten haben begonnen. Für rund 8,5 Mio. €, davon 90 Prozent gefördert durch das Land, wird der moderne Ersatzneubau Platz für 120 Kinder bieten. Alle Räume werden ebenerdig sein, sodass
jede Gruppe eine Tür zum Spielgarten hat. Es wird ein Gründach für ein besseres Mikroklima geben. Das Gebäude erhält eine moderne CO2-arme Energieversorgung.
Das ‚Spatzennest‘ verbindet Kinderkrippe und Kindergarten. Wir haben uns nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen bewusst für einen kompletten Neubau entschieden. Der Ersatzstandort ist nah am DRK-Seniorenwohnpark. Dies soll beidseitig viele Synergien für den Alltag bringen und gleichzeitig eine Brücke zwischen den Generationen herstellen.

Gemeinsam mit der Handwerkskammer Cottbus soll ebenfalls mit Strukturfördermitteln das »Innovative Lernzentrum Lausitz« als Erweiterung des bestehenden Lehrbauhofes in Großräschen entstehen. Investitionsvolumen: Rund 60 Mio. Euro. Wie steht es um dieses Projekt und was sind die Ziele dahinter?

Die Handwerkskammer ist als künftiger Betreiber aktuell dabei, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten und steht dafür in Verhandlungen mit dem Bildungs- sowie dem Wirtschaftsministerium, um durch Zusicherungen einen dauerhaften Betrieb abzusichern. Dann erst kann eine bauliche Realisierung starten. Damit soll die berufliche Frühorientierung in der gesamten Lausitz auf ein neues Niveau gehoben werden. Es soll eine Art berufliches Bildungszentrum mit Laboren und modernster Technik für Schüler werden.

Der Industriestandort „Sonne“ hat durch das VTG-Werk zuletzt eine impulsartige Belebung erhalten. Welche Impulse erhoffen Sie sich dadurch zukünftig noch?

Es wird bereits die Abfertigungshalle am Gleisanschluss an der Strandstraße geplant, um auch dort vernünftige Arbeitsbedingungen für die Arbeitskräfte zu schaffen. Das wird auch Kapazitäten des Unternehmens erhöhen. Im Gewerbegebiet „Sonne“ hat die VTG Erweiterungsflächen erworben. Ansonsten sind die Kapazitäten in unseren Gewerbegebieten nahezu ausgeschöpft. Ein mögliches Rechenzentrum an der Autobahn bei Saalhausen könnte aber die Voraussetzungen für ein fünftes Gewerbegebiet schaffen. [Mehr dazu weiter unten!]

Wie sieht Ihre Vision von Großräschen in den nächsten 10 Jahren aus und wo sehen Sie sich dann?

Ich wünsche mir, dass wir als Stadt den aktuellen Entwicklungspfad bis dahin weiter erfolgreich beschreiten. Die heute 3.000 Arbeitsplätze in Großräschen bei rund 8.500 Einwohnern sind nach dem in den 90er Jahren erlebten Strukturbruch ein großer Erfolg. Auch in zehn Jahren soll unsere Seestadt ein mittelständischer Wirtschaftsstandort in der Lausitz sein. Unser touristisches Potenzial See sollten wir dann fast voll ausgeschöpft haben, um auch als Wohnort noch attraktiver zu sein. In zehn Jahren werde ich wohl nicht mehr auf der Kapitänsbrücke stehen, aber das Ruder hoffentlich mit gutem Gewissen übergeben haben. Gern stehe ich aber – in welcher Funktion dann auch immer – mit Rat und Tat zur Seite.

Großräschens Bürgermeister Thomas Zenker auf der feierlichen Grundsteinlegung des VTG-Werkes auf dem historischen Gewerbegebiet „Sonne“. Foto: Simons

„Die Entwicklung von Großräschen zur Seestadt im Lausitzer Seenland verläuft positiv und vor allem kontinuierlich. Unsere Stadt durchlebt bereits den zweiten Strukturwandel innerhalb von drei Jahrzehnten. Nach 1989 blieb von den im historischen Stadtwappen dargestellten Arbeitgebern – Bergbau, Klinker- und Glasindustrie – nur noch die Landwirtschaft übrig. Hoffnung brachte die Idee, aus dem aktiven Tagebau Meuro einen See zu entwickeln. Dank viel Energie, Durchhaltevermögen, aktiver Wirtschaftsförderung und engagierten Mitstreitern können wir heute auf vier florierende Gewerbegebiete mit mittelständischen Unternehmen und einem breiten Leistungsspektrum blicken.
Kommunale Stadtentwicklung ist ein Langstreckenlauf. Nicht jede Vision wird Realität. Nur durch Fördermittel von Land und Bund konnten die nötigen Investitionen für Großräschen umgesetzt werden. Doch die Antragsverfahren werden immer komplexer, was vor allem kleine Verwaltungen und Unternehmen zunehmend
überfordert. Während die Arbeitslosigkeit um 1990 noch eine große Herausforderung war, ist es heute eher der Fachkräftemangel, mittlerweile auch in den öffentlichen Verwaltungen. Die Stadtverwaltung Großräschen kann jedoch als attraktiver Arbeitgeber mit spannenden Projekten punkten und mit sichtbaren Ergebnissen. Ein weiterer Vorteil für alle regionalen Arbeitgeber ist die hohe Lebensqualität im Lausitzer Seenland – gepaart mit vielfältigen Wohnangeboten und guter Kinderbetreuung.
Die Lebensqualität und die Lausitzer Naturlandschaft müssen sowohl für Einheimische als auch für Touristen bewahrt werden.

Bei der Entwicklung erneuerbarer Energien plädiere ich daher für Augenmaß. In unserem Stadtgebiet tragen die Flächen, die für Mensch und Natur verträglich sind, bereits seit Jahren zur nachhaltigen Energieversorgung bei. Auch den aktuellen Strukturwandel werden wir gemeinsam meistern – mit einer positiven Zukunftsvision und Freude über das Erreichte. Das gibt uns die Kraft, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen.“

Thomas Zenker, Bürgermeister der Stadt Großräschen

Stark(e Unternehmen) für die Lausitz aus Großräschen

Wird die Stadt Großräschen mit der Ansiedlung eines Rechenzentrums an der Autobahn ein fünftes Gewerbegebiet entwickeln können?

Mächtig Aufregung gab es in den vergangenen Wochen und Monaten in der Seestadt darüber, ob der Bau eines Rechenzentrums auf bisherigen Ackerflächen an der Autobahn 13 bei Saalhausen von den Einwohnern befürwortet wird oder nicht. Eine Bürgerbefragung, die parallel zur Landtagswahl Ende September stattfand, fiel mit 2.366 Stimmen dafür und 2.314 Stimmen dagegen denkbar knapp aus.

Mittlerweile haben die Stadtabgeordneten grünes Licht zur Aufstellung des Bebauungsplanes gegeben, wie Bürgermeister Thomas Zenker am Rande der Großen LAUSITZRUNDE in Weißkeißel Anfang Dezember dem STARK für die LAUSITZ-Portal verriet. Nun kann die Stadtverwaltung die Vorplanung des Gewerbegebiets aufnehmen, will aber auch noch nicht in teure und aufwändige Eigenleistungen gehen. Zenker erklärte, dass er jetzt „aktiv“ auf weitere Initiativen eines interessierten Privatinvestors warte, denn das Vorhaben hätte insgesamt wohl eine Investitionskraft in Milliardenhöhe. Aktuell stünden die Chancen laut Zenker 50/50, dass Großräschen das mit Abstand größte Projekt der Stadtgeschichte wirklich realisieren könne. Von den Dimensionen würde damit quasi ein fünftes Gewerbegebiet der Stadt entstehen, während die anderen vier ihre Flächen nahezu schon vollständig ausgeschöpft haben.

Bislang wird von ca. 60 neuen, hoch dotierten Arbeitsplätzen ausgegangen, die dieses Rechenzentrum mit sich bringen würde. Es sähe den Bau von drei großen Hallen vor. Insgesamt soll sich eine bebaute Fläche von rund sechs Hektar ergeben. „Wir müssen hier mit dem Zeitgeist werben, denn heutzutage geht fast nichts mehr ohne Daten, selbst Küchengeräte. Daher werden aktuell überall in Deutschland Standorte für Rechenzentren gesucht“, erklärt das Großräschener Stadtoberhaupt, der hier in der Lausitz beste Voraussetzungen dafür sieht.

www.grossraeschen.de

Ab sofort erhältlich – Herbstausgabe des „STARK für die LAUSITZ“-Magazins 2024

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Fotos: u.a. Steffen Rasche, Szymon Nitka-Znajkraj, Peter Aswendt
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