Generationswechsel bei der Kulturfabrik Hoyerswerda: Wir müssen größer denken
C.M. Schwab
„Dritter Ort“: Wie ein stigmatisierter Ort zum Erfolgsfaktor des Strukturwandels werden kann
„Das musste man hier machen“, ergänzt Uwe Proksch lachend seine Antwort auf die Frage, was er von Beruf ist. Als Maschinist für Tagebaugroßgeräte hat der zum Hoyerswerdaer „Urgestein“ gehörende jedoch gerade mal drei Monate gearbeitet. Dann, Anfang der 80er Jahre, begann er seinen langen Weg durch die Kulturarbeit. Begonnen hatte der am Volkshaus Wittichenau. Heute engagiert sich der 60jährige beim Kufa e.V. Hoyerswerda und hat mit „Dritter Ort“ für Hoywoy soeben ein Konzept vorgelegt, welches das Profil des Soziokulturellen Zentrum Kulturfabrik (Kufa) schärfen und Einfluss auf den Strukturwandel in der Region Hoyerswerda ermöglichen soll.
„Wir müssen größer denken und in die Stadt hineinplanen. Über Hoyerswerda lag seit Jahren eine gewisse Lethargie. Das birgt die Gefahr, dass ein Wandel über den Köpfen – den Herzen? – erneut unbegleitet passiert.“ Der Kulturarbeiter weiß aus vielfältiger Erfahrung, wovon er spricht. Als Protagonist des zu DDR-Zeiten legendären-alternativen Klubs „Laden“ widerstand er den Versuchen der damaligen Machthaber, sich einverleiben und gleichmachen zu lassen. In unmittelbarer Nachwendezeit erlebte er dann die medial um die Welt gehenden ausländerfeindlichen Ausschreitungen in seinem Ort, denen gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen örtlichen Rechts- und zugereisten Linksradikalen folgten. Die Stadt des Gundi Gundermann erfuhr eine Stigmatisierung, von der sie sich bis heute noch immer nicht völlig erholt hat. Parallel dazu verlor Hoyerswerda – symptomatisch für viele Ort der Lausitz – massiv an Einwohnern. Die Stadt schrumpfte um mehr als die Hälfte – von 70.000 auf heute knapp 30.000. In erster Linie sahen sich jüngere Menschen anderswo nach neuer Arbeit um, nachdem binnen weniger Monate ganze Branchen den Bach runter gingen und der Braunkohleabbau im ehemaligen „Energiebezirk“ erheblich reduziert wurde. Doch genau dafür wurde einst, in den 60er Jahren, aus dem Dorf Hoyerswerda eine Neubau-Stadt gestampft. Nach 1990 folgte ein jahrelanger Niedergang, der sich auch auf die Arbeit von Uwe Proksch auswirkte. Was als kultureller Atem die Stadt über lange Zeit vitalisierte und auch für viele lebenswert machte, wurde immer weniger nachgefragt. Nach wie vor verlässt ein Jahrgang an Schulabgängern nach dem anderen „Hoywoy“, wie die Einheimischen gern abkürzen. Zwar gibt es zunehmend auch Rückkehrer, die aber die Sterberate der überalterten Bevölkerung nicht ausgleichen können. Das Durchschnittsalter der Stadt liegt bei 54 Jahren.

Foto: Dirk Lienig
Ich mache das nicht für mich
Wird man angesichts einer solchen Entwicklung nicht mutlos und denkt ans Aufgeben? Nein! Uwe Proksch ist da strikt: „Ich habe eine Aufgabe und mache das nicht für mich.“ Dann wird er leidenschaftlich und macht deutlich, warum sich die Arbeit lohnt. Dass die Bevölkerungszahl von Hoywoy zwar für eine Kleinstadt spricht, ihre Möglichkeiten aber weit darüber hinaus gehen. Weil die Infrastruktur großstädtisch sei – bereits zu DDR-Zeiten angelegt, nach der Wende ausgebaut und gepflegt.
„Es floss viel Geld“, so Proksch. Die Angebote in Sachen Freizeit, Sport, Erholung, Vereinsarbeit seien in Hoy nach wie vor groß. Es gibt kein Problem, Kita-Plätze zu finden, es gibt eine differenzierte Schullandschaft, ein Klinikum, Museen, Schloss, Zoo, Kino, die Lausitzhalle – zumeist durchsaniert und modern, aber auch verbunden mit sorbischen und Krabat-Traditionen. Ganz abgesehen von der Lage inmitten des Seenlandes. „Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen“, stellt der bekennende Lokalpatriot klar. Er sieht seine Stadt infrastrukturell als bereit für den Strukturwandel, bereit für Wachstum, Neubesiedelung und -belebung – ideal für junge Menschen, Familien. Aber ihm sei im Laufe der Jahre einiges klar geworden. Dass übliche Mechanismen nicht mehr greifen. Dass reine Veranstaltungsorganisation soziokulturell untersetzt werden muss und es nicht mehr nur um Angebote für Konzerte oder Partys geht – die man per Ticketkauf annimmt oder eben nicht. Weil Teilhabe, gemeinsames Agieren, alters-, sparten- und sozialübergreifende Kommunikation wichtiger geworden sind.
Dass, um neue Generationen zu erreichen, auch ein Generationswechsel bei den bisherigen „Machern“ stattfinden muss. Dafür hat Proksch und sein 130köpfiger Kufa e.V. in den letzten Jahren durchaus einiges getan. So ist beispielsweise die Tanzcompany mit über 60 Mitgliedern von acht bis 80 Jahren und fünf Großproduktionen ein Erfolg. Da gibt es den Bürgerchor mit über 70 sangesfreudigen Bürgerinnen und Bürgern, beliebte Straßenfeste und die Bürgerwiesen, originellen „Picknicks auf der Brache“.
Außerhalb einzelner Filterblasen
Hier setzt das frische Konzept „Dritter Ort“ für Hoy an. Es bezieht sich u.a. auf „die Spaltung der Gesellschaft, welche durch die Corona-Krise noch verschärft wurde“, auf den Kohleausstieg und die damit verbundene „Unruhe in der Bevölkerung“. Helfen sollen hier Orte „außerhalb einzelner Filterblasen an dem sich Menschen begegnen und Problemfelder thematisieren können. Wir wollen uns dieser Herausforderung stellen“ und das von der Kufa betriebene Bürgerzentrum „für zivilgesellschaftliches Engagement, orientierend an den verschiedenen konkreten Lebenswelten aller Generationen, für Hoyerswerda entwickeln und zum Leben erwecken.“ Das bedeutet konkret, dass eine komplette Ebene der Kulturfabrik zukünftig Anlaufstelle und Zentrale für bürgerschaftliches Engagement im Strukturwandel und nicht kommerzieller Arbeit offensteht. Da geht es um geplante wie auch bereits vorhandene Initiativen wie Innenstadtbelebung, Fahrradstadt, regionale Landwirtschaft, Zivilcourage, Jugendstadtrat, selbstverwaltete Jugendarbeit, Bürgerbüro, Co-Working, Selbst-Reparatur-Center, „Sprechzimmer“, Stammtisch „sorbischer Freigeister“, nachhaltiges Leben. Proksch geht davon aus, dass viele Einheimische gar nicht genügend die Möglichkeiten ihres Lebensortes kennen, geschweige denn nutzen. „Deshalb ist es uns bei diesen Projekten wichtig, nicht zu warten, bis die Leute kommen, sondern auf sie zuzugehen“, so Kufa-Chef Proksch.
Jetzt sind wir erwachsen geworden
„Dritter Ort“ für Hoy ist in zwei Projektanträgen zusammengefasst, die auf Prüfung und Bestätigung seitens der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Förderrichtlinie „Soziale Orte“ des Sächsisches Staatsministerium für Soziales warten. Beantragt ist eine Anschubfinanzierung. „Die einzelnen Initiativen, Netzwerke und Strukturen werden langfristig Bestand haben“, beschreibt das Konzept. Sozio-Kulturarbeiter Uwe Proksch sieht auch darin ein Argument für seine kühne Prognose: „Hoyerswerda hat das Zeug dafür, im Laufe des Strukturwandels von einer schrumpfenden Stadt zu einem aufstrebenden wichtigen Zentrum mit entsprechender Umlandfunktion für die Region zu werden.“
