<strong>„Energiekrise als Chance verstehen“</strong>
Energieversorgungssicherheit, Klimaschutz und Infrastruktur-Entwicklung in Deutschland und der Lausitz waren die Themen der offiziellen Gründungsveranstaltung der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie (IEG) Anfang November in Cottbus.
pm / Jannis Simons
„Die Lausitz soll auch nach der Zeit des Braunkohleabbaus die Energieregion des Landes sein“, sagte Prof. Mario Ragwitz, einer der beiden Leiter des Fraunhofer IEG, bei der feierlichen Veranstaltung im Startblock B2. Mit der vorhandenen regionalen Kompetenz im Rücken wolle die Fraunhofer IEG hier die klimaneutralen Energiesysteme der Zukunft entwickeln und zum Einsatz bringen. „Wir forschen am Standort Cottbus beispielsweise an Hochtemperaturwärmepumpen und Wärmenetzen der nächsten Generation sowie an innovativen Modellen zur Planung von Energieinfrastrukturen auf der Ebene der Transport- und Verteilnetze. Der Cottbuser Ostsee spiele als potenzielle Wärmequelle eine große Rolle bei den zukünftigen Planungen. Eine Seewasserwärmepumpe im Bergbaufolgesee soll große Teile der Stadt zukünftig mit Wärme versorgen. Bereits im Dezember 2019 hatte die Fraunhofer-Einrichtung (IEG) ihre Arbeit aufgenommen und soll spätestens 2024 den Status eines eigenständigen Fraunhofer-Instituts bekommen.
Der Brandenburger Ministerpräsident, Dr. Dietmar Woidke, sagte: „Die Ansiedlung ist ein großer Schritt nach vorne bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Energieregion Lausitz.“ Seit 2020 sei Brandenburg das Bundesland mit der meisten erzeugten erneuerbaren Energie pro Kopf, die aber bis dato nicht annähernd effizient verbraucht werde. Teilweise stünden ganze Windkraftanlagen still. „Das gleiche einem Skandal“, so der Ministerpräsident. An diesem konkreten Beispiel werde deutlich, für welche Problemlagen das Fraunhofer IEG künftig Lösungen finden möchte. Mit einfachen Worten: „Es geht um die Integration verschiedener Energieträger und deren Speicherung“, so Institutsleiter Prof. Ragwitz. Für kommende Baumaßnahmen und Erstausstattung der noch einzurichtenden Labore des Fraunhofer IEG in der Lausitz haben die Sitzländer und der Bund rund 43,5 Mio. Euro aus den Kohleausstiegsmitteln vorgesehen, davon etwa 33,5 Mio. Euro für den Standort in Cottbus und rund 10 Mio. Euro für den Standort in Zittau. Basierend auf diesen Mitteln wird sich das IEG auch als aktiver Partner in den Lausitz Science Park einbringen.

V.l.n.r.: Prof. Mario Ragwitz, Leiter Fraunhofer IEG Cottbus, Katrin Bartsch, Geschäftsführung der Stadtwerke Weißwasser, Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Dr. Dietmar Woidke, Prof. Gesine Grande, Präsidentin der BTU Cottbus-Senftenberg, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Reimund Neugebauer, Dr. Stephan Lowis, Vorstand der Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) und Prof. Rolf Bracke, Leiter des Fraunhofer IEG Cottbus. Foto: Simons
„Mit ihrer Ausrichtung auf die ganzheitliche und integrierte Energiesystemplanung sowie die Sektorenkopplung leistet die Fraunhofer IEG an den Standorten Cottbus und Zittau einen wertvollen Beitrag für die Energiewende und den Strukturwandel im Lausitzer Revier“, betonte Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. 50 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bietet der Standort in Cottbus bereits einen Arbeitsplatz. Weitere 50 Stellen so folgen. Gesucht werden vor allem promovierte Ingenieure. Institutsleiter Prof. Ragwitz als gebürtiger Cottbuser und Lausitz-Rückkehrer ist das beste Beispiel, dass der Region mit dem Strukturwandel großartige neue Chancen eröffnet werden und hochqualifizierte Fachkräfte zurück- und herholt. Wenn Wissenschaftler wie Prof. Ragwitz, der u.a. in den USA arbeitete, sich international einen Namen gemacht haben, ziehe das auch immer andere Wissenschaftler mit, ist sich der Fraunhofer-Präsident sicher, der dabei von „internationalen Zugpferden“ spricht.
Das Fraunhofer IEG will die Lausitz als Reallabor und Modellregion für die Energiewende gestalten, bei der auch die Entwicklung von Wasserstofftechniken eine besondere Bedeutung haben wird. Dazu vernetzt es sich mit Partnern wie der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg und dem Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI), mit Anlagenbauern, regionalen Energieversorgern wie der enviaM und der LEAG sowie den Stadtwerken der Region. Auch berät es die Politik auf Bundes- und europäischer Ebene bei der Weichenstellung für die nachhaltige Energiezukunft. Die Projekte der Fraunhofer-Einrichtung zeigen, wie konkret Sektorenkopplung, grüne Wärmenetze, Geothermie-Versorgung oder Wasserstoffinfrastrukturen umgesetzt werden. „Die aktuelle Energiekrise verstehen wir Chance, Umgestaltungsprozesse jetzt schneller verwirklichen zu können“, sagt Prof. Neugebauer und sieht seine Fraunhofer-Gesellschaft dabei weniger als Krisen-, sondern als Zukunftsmanager.
Zu den profilgebenden Innovationsprojekten des Fraunhofer IEG gehören unter anderem:
- H2-Startnetz Brandenburg: Die Machbarkeitsstudie zum Auf- und Ausbau eines leistungsfähigen Transportnetzes für Wasserstoff in Brandenburg
- Transformationsstudie Lausitz: Pfadentwicklung zur Dekarbonisierung der kommunalen Wärmebereitstellung in der Region Spremberg, Hoyerswerda und Weißwasser
- IntegrH2ate: Nutzbarmachung der Wärme und Sauerstoff von PEM-Elektrolysesystemen für Industriestandorte durch theoretische und experimentelle Untersuchungen
- OptiDrill: Entwicklung eines Bohrberatungssystems, das smarte Sensoren und Methoden des maschinellen Lernens zur Optimierung von Geothermie-Bohrungen nutzt
- FernWP: Entwicklung von Großwärmepumpen als Ersatz der Kohleverbrennung zur Versorgung von kommunaler Fernwärme und industrielle Prozesswärme
Über das Fraunhofer IEG
Das Fraunhofer IEG gestaltet die klimaneutralen Energiesysteme der Zukunft. Seit dem Jahre 2019 ist es aktiv und feierte nun seine offizielle Gründung coronabedingt nach. Es unterstützt Energieversorger, Netzbetreiber, Industrieunternehmen, Technologieanbieter, Wohnungsbaugesellschaften und Kommunen bei der Transformation der Energieinfrastrukturen mit markt- und anwendungsnaher Forschung. Seine Themenfelder sind sektorengekoppelte Strom-, Gas- und Wärmenetze, Bohr- und Geotechnologien, Energie- und Verfahrenstechnik, Energiewirtschaft, Georessourcen und Geowissenschaften, Speichersysteme und Wasserstoffinfrastrukturen.
Nationale und internationale Großprojekte, etwa zum Aufbau einer globalen Wasserstoffwirtschaft, zur Tiefengeothermie oder zu integrierten Energiesystemen spielen für das Fraunhofer IEG genauso eine Rolle wie konkrete Umsetzungsprojekte in der Region, etwa zur Transformation der Wärmeversorgung von Kommunen, zur energetischen Quartiersentwicklung und zum Einsatz von Geo- und Seethermie sowie Großwärmepumpen für vom Braunkohleausstieg betroffene Nah- und Fernwärmenetze in der Lausitz. Diese Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit hoher Bedeutung für die Gesellschaft im Rahmen der Energiewende bearbeitet das Fraunhofer IEG in einem großen Partnernetzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand.