Endlich wieder „Johannisreiten“ in Casel – eine einzigartige Tradition in der Lausitz

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Zwangspause kann am kommendem Wochenende mit dem Johannisreiten wieder eine beliebte Tradition im Drebkauer Ortsteil Casel gepflegt werden. Dieser sorbische Brauch ist mittlerweile einzigartig. Wir sprachen inmitten der Vorbereitung, bei der beinahe das gesamte Dorf involviert ist, mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Traditionsvereins Casel, Kathleen Theimer, u.a. über die Geschichte und die Bedeutung des Johannisreitens, die Auswahl des „Johanns“ und warum sich ein Ausflug mit der gesamten Familie in den beschaulichen Ort am Rande des Gräbendorfer Sees definitiv lohnt.

Jannis Simons

Frau Theimer, wie kommt es, dass Sie sich als junge Frau schon jetzt in einem „Traditionsverein“ engagieren?

Sich im Traditionsverein zu engagieren bedeutet nicht, dass man dafür ein gewisses Alter erreicht haben muss. Unsere jüngsten Mitglieder sind gerade einmal 3 Jahre alt und wachsen Jahr um Jahr mit der Tradition mit. Auch wenn der Begriff „Traditionsverein“ etwas angestaubt klingt, bedeutet es viel mehr Bewahrtes zu erhalten und mit den Anforderungen der schnelllebigen, mediengetriebenen Zeit zu verknüpfen. Ich selbst stamme aus einem Nachbarort von Casel und bin seit meiner Jugend und durch meinen Freundeskreis schon öfters hier unterwegs gewesen. Mein Mann kommt aus Casel. Seit 2018 leben wir nun mit unserer Familie hier und lieben es. Wir sind seit vielen Jahren Mitglied im Verein. Früher ritt mein Mann als Begleiter mit und ich tanzte mit den Mädchen in der Jugendtracht. Mittlerweile ist mein Mann Vereinsfotograf und ich moderiere die Veranstaltung. Seit 2018 bin ich stellvertretende Vereinsvorsitzende. Gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen organisieren wir Veranstaltungen, stellen Projekte auf die Beine, wie unser über LEADER-Fördermittel gestütztes Traditionszimmer (später dazu mehr), und versuchen unseren Brauch noch bekannter zu machen.

Am Tag des Johannisreitens ist doch sicherlich das ganze Dorf auf den Beinen oder?

Das ist richtig. Jeder trägt auf seine Art und Weise dazu bei. Sei es bei Arbeitseinsätzen zum Dorfputz, als Kassierer, Streckenposten, Kuchenbäcker/in, Sponsor oder beim Ausschank. Man merkt deutlich, dass die Caseler hinter dem Johannisreiten stehen und den Brauch erhalten wollen.

Die stellvertretende Vorsitzende des Traditionsvereins Casel, Kathleen Theimer, freut sich sehr, dass nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause das Johannisreiten wieder in gewohnter Form stattfinden darf.
Foto: Martin Theimer, Bildrechte: Traditionsverein Casel e.V.

Konnte die Tradition des Johannisreiten in den zwei Corona-Jahren in irgendeiner Form fortgeführt oder Bestand haben? Gab es Alternativen in der Zeit?

Auch wenn wir das Vereinsleben bis auf ein absolutes Minimum herunterregeln mussten, haben wir die Zeit genutzt und uns mit Projekten beschäftigt. Wir haben gemeinsam mit weiteren Vereinen im Dorf eine Infotafel errichtet, welche am Dorfgemeinschaftshaus auf unser Traditionszimmer und die Vereine hinweist. Am Tag des Johannisreitens haben wir uns zu einem kleinen Vereinszusammentreffen auf dem Reitplatz versammelt. Nach dem traditionellen Gottesdienst unter freiem Himmel saßen wir bei Gegrilltem und Getränken beisammen. Es war nicht das gleiche Gefühl, wie zum turbulenten Johannisreiten, aber es war ein Gefühl der Gemeinschaft und für viele eine willkommene Abwechslung zu den langen Kontaktbeschränkungen. Daher freuen wir uns umso mehr, dass es in diesem Jahr wie gewohnt stattfinden kann.

Was steckt hinter dem Johannisreiten und warum wird dieser sorbische/wendische Brauch nur noch in Casel gepflegt? Habt ihr eine Idee, warum das so ist?

Es gibt Aufzeichnungen, die belegen, dass das Johannisreiten bis zum 19. Jahrhundert auch in anderen Dörfern der Lausitz gefeiert wurde. Im Laufe der Zeit sind viele Bräuche in den Orten verloren gegangen. Früher war es für die Menschen wichtig, dass sie an etwas „glauben“ konnten. Die Arbeit auf dem Feld und in der Landwirtschaft allgemein war hart. Märchen, Sagen, Weisheiten – das alles beruht auf einer Zeit, in der der einzige Kommunikationsweg darin bestand, sich mündlich auszutauschen. Da Sagen und Mythen immer etwas Magisches an sich haben, denke ich, dass genau diese Dinge die Menschen faszinierten.

Der „Johann“, oder auch Jan genannt, wird auch als Wachstumsgeist bezeichnet. Sein personifiziertes Blumenkleid symbolisiert die Kraft der Natur. Zu Beginn der Erntezeit war es in vielen Orten üblich mit einem Brauch, wie dem Johannisreiten, bei den Göttern um eine reiche Ernte zu bitten.

Mit der Zeit und mit dem Einzug des technischen Fortschritts gerieten Bräuche nach und nach immer mehr in den Hintergrund. Man musste nicht mehr allein auf die Natur vertrauen und hoffen, dass es eine gute Ernte geben wird. Einige Orte versuchen bis heute ihre traditionellen Feste und Bräuche aufrechtzuerhalten. Dabei fokussieren sie sich auf meist einen Brauch, der besonders in Erinnerung geblieben ist bzw. für den Ort charakteristisch ist, wie bspw. Ostereierwalleien oder das Stollenreiten zum Abschluss der Erntezeit. Unser charakteristisches Merkmal ist die Bitte auf ein reiche und unfallfreie Ernte zum Sommerbeginn. Seit weit mehr als 100 Jahren konnten wir „unsere“ Tradition als einziger Ort bewahren.

Was hat das „Traditionszimmer Johannisreiten“ alles zu bieten? Wo findet man es genau?

Das Traditionszimmer befindet sich im Dorfgemeinschaftshaus in Casel. Es bietet uns die Möglichkeit, Interessenten den Brauch auch übersaisonal näherzubringen. Es beinhaltet alles, was wir bisher über das Johannisreiten zusammentragen konnten. Von Bild- und Filmmaterial über Buchauszüge, Handarbeiten und Kunstdarstellungen ist alles zu sehen. Auch die Entwicklung der sich im Laufe der Zeit verändernden traditionellen Kleidung ist dort nachzuvollziehen. Ein absolutes Highlight sind die in Handarbeit gefertigten Kronen und das mit Kornblumen besetzte Gewand des Johanns. Ein Besichtigungstermin kann gern unter www.johannisreiten.de vereinbart werden.

Was ist das Besondere an den Trachten eurer Frauen und Mädchen am Tag des Johannisreitens?

Die in Casel etablierten Trachten sind zum einen die Arbeitstracht, die unsere verheirateten Frauen tragen. Viele Jahre war diese nicht mehr im Ortsbild zu sehen. 2017 haben wir uns u.a. mit unserer Trachtenschneiderin Antje Lehnitzke aus Saspow zusammengesetzt und die Tracht nach einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie rekonstruiert. Die jungen Mädchen tragen eine Jugendtracht. Diese haben wir im Jahr 1999 nach alten Bildern vom Johannisreiten um 1930 wieder in der nun bekannten Form zurück in den Ort gebracht. Traditionell gehören dazu ein Unterrock, ein weißer Überrock, besetzt mit blauen und roten Bändern am Saum, eine weiße Bluse und ein roter Mieder. Früher trugen die Mädchen zum Johannisreiten eine geflochtene Kornblumenranke als Schärpe.

Am Sonntag, den 19.06.22, erfolgt um 14:30 Uhr der Ausmarsch zum Reitplatz. Mittlerweile drei Jahre liegt dieses Bild vom bislang letzten Johannisreiten zurück.
Foto: Martin Theimer, Bildrechte: Traditionsverein Casel e.V.

Mittlerweile ist diese Ranke zum Schutz der Kleider und aus Gründen der Nachhaltigkeit einer mit Kunstblumen besetzten Schärpe gewichen. Die Farben der Jugendtracht symbolisieren u.a. die Zugehörigkeit zu den Sorben und Wenden. Im Laufe der Zeit variierte die Tracht etwas in ihrem Erscheinungsbild, die Grundform blieb jedoch immer ersichtlich.

Wie wird der „Johann“ jedes Jahr ausgewählt? Zufallsprinzip oder rotierendes System?

Für den Johann wird ein erfahrener Reiter benötigt, der den Mut hat, diese anstrengende und auch gefährliche Aufgabe wahrzunehmen. Bisher hatten wir keine Nachwuchssorgen, was diese Aufgabe angeht. Unser diesjähriger Johann Tobias Richter erfüllt die Aufgabe nun im dritten Jahr und wird uns hoffentlich noch einige Jahre zur Verfügung stehen.

Was passiert genau beim Johannisreiten, wer kann alles mitmachen und wird der „Johann“ wortwörtlich vom Pferd geholt?

Zu Beginn des Johannisreiten reitet der Johann mit seinen Begleitern (ebenfalls auf Pferden) über den Platz. Mit der Zeit werden die Begleiter müde und scheiden aus. Sobald der Johann alleine reitet, haben alle erwachsenen Zuschauer die Möglichkeit, ihn vom Pferd zu holen und einen Teil seines magischen Blumenkleids zu ergattern. Wem das gelingt, der soll sein Blütenwerk getrocknet über der Zimmertür aufhängen. Der Legende nach bringt das dem Hausbesitzer und seiner Familie Glück, Gesundheit und Erntesegen. Die Situation ist wahrlich nicht ungefährlich, schließlich reitet der Johann im Galopp über den Platz. Wir haben aber erfahrene Streckenposten, die den Prozess begleiten, das Pferd nach dem Anhalten abfangen und sicherstellen, dass der Johann heil aus der „hitzigen“ Situation herauskommt und kein Gast zu Schaden kommt.

Nicht ungefährlich! Das Johannisreiten verspricht jede Menge Action und Spannung.
Foto: Martin Theimer, Bildrechte: Traditionsverein Casel e.V.

Was erwartet die Zuschauer neben dem Hauptevent an diesem Wochenende alles in Casel?

Das Johannisreiten ist „kein Fest von der Stange“. Wer zu uns kommt, erlebt ein Wochenende, bei dem die Leidenschaft für unser Fest an jeder Stelle zu merken ist. Die Senioren haben für jedes Haus in Casel Strohkränze vorbereitet, die das Dorf schmücken werden. Am Samstagabend findet ab 19 Uhr der Reiterball auf dem Reitplatz statt. Bei hoffentlich schönstem Sommerwetter wollen wir gemeinsam tanzen. Der Abend startet mit dem Einmarsch der Reiter und Mädchen. Im Anschluss haben unsere Kleinsten ein kleines Tanzprogramm vorbereitet. Ich habe ihnen bei den Proben zugeschaut und gesehen, wie sehr sie sich auf ihren Auftritt freuen.

Am Sonntag erwartet die Gäste auf dem Reitplatz ein Nachmittag vollgepackt mit Spaß und Emotionen. Nach dem eigentlichen Johannisreiten, das ab ca. 15 Uhr starten soll, werden noch Tänze, Reitvorführungen und Reiterspiele zu sehen sein. Für Leib und Seele wird ebenfalls gesorgt sein. Alles wurde über Wochen hinweg mit viel Aufwand in der Freizeit vorbereitet. Im Namen aller Mitwirkenden hoffe ich auf zahlreiche Gäste, die mit uns ein rauschendes Fest feiern und mit einem strahlenden Gesicht abends mit den Worten „Es war wieder wunderschön“ nach Hause gehen.

Vielen Dank für die Zeit und das Gespräch, Frau Theimer!

Mehr Informationen zum Programm und den zeitlichen Ablauf unter: www.johannisreiten.de

Foto Titelbild: Martin Theimer, Bildrechte: Traditionsverein Casel e.V.

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