Arbeits- und Fachkräfte-Situation in der Lausitz: Mehr Jobs geschaffen als abgebaut
In der Lausitz gibt es eine deutlich zunehmende Nachfrage nach Arbeits- und Fachkräften. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: Zum einen gehen aufgrund der Fördermaßnahmen im Rahmen des Strukturwandels erheblich weniger Jobs verloren als angesichts des Ausstiegs aus der Braunkohle befürchtet worden war. Andererseits verliert die Region aufgrund des demografischen Wandels immer mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) und des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle in ihrem dritten Policy Brief im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Begleitung des Strukturwandels. Welches Potenzial an Arbeitskräften noch in der Lausitz schlummert, wie dieses ausgeschöpft werden soll und was darüber hinaus nötig ist.
pm / Jannis Simons
Die Studie des dritten Policy Briefes beleuchtet und analysiert, wie sich der Lausitzer Arbeitsmarkt in der brandenburgischen Lausitz im Zuge des Wandels vom Braunkohlerevier zur Modellregion für nachhaltige Energie und Wirtschaft voraussichtlich entwickeln wird. Bei der gestrigen Vorstellung des Briefes im Gründungszentrum Startblock B in Cottbus diskutierten die Bevollmächtigte des Landes Brandenburg beim Bund, Friederike Haase, Brandenburgs Wirtschafts-, Arbeits- und Energieminister Prof. Jörg Steinbach und der Lausitzbeauftragte des Ministerpräsidenten, Dr. Klaus Freytag, mit den Wissenschaftlern sowie Vertretern von Landkreisen, Städten, Kammern, Verbänden, Arbeitsagenturen und Unternehmen.
Auf der anschließenden Pressekonferenz betonte Staatssekretärin Haase: „Wir sind hier auf einem guten Weg. Der erste Fokus: Unternehmen hier anzusiedeln, zu halten, neue Arbeitsplätze zu schaffen, ist bereits erfolgreich angelaufen. Jetzt gilt es, Arbeitskräfte hier in der Region zu halten und neue zu gewinnen.“ Sonst werde dies laut der Staatssekretärin zu einem echten „Hemmschuh“ im Strukturwandel.
Demografischer Wandel schneller als Arbeitsplatz-Abbau rund um die Kohle
Anschließend stellte BTU-Forscher Dr. Gunther Markwardt die Ergebnisse der Studie grob vor. „Die Projekte durch das Strukturstärkungsgesetz werden jetzt beschäftigungswirksam“, so Markwardt. Rund fünf Jahre nach dem Bericht der sogenannten Kohlekommission, in dem es oberste Prämisse war, zukunftsfähige Arbeitsplätze für die Lausitz zu schaffen, belegt der dritte Policy Brief, dass diese Aufgabe nahezu bewältigt wurde. Der aktuelle Stand der Arbeitsplatzankündigungen umfasst 4.650 neue Arbeitsplätze in der Industrie, 1.050 neue Arbeitsplätze in der Wissenschaft und rund 650 in Behörden. Diese Zahlen sind allerdings noch lange nicht vollständig, denn der Industriepark Schwarze Pumpe, die künftige Transformation des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums zu einem Universitätsklinikum und der Lausitz Science Park als weitere „Großprojekte“ seien dabei noch gar nicht berücksichtigt worden. In den nächsten Jahren werde es nun mehr nicht mehr darum gehen, die zu ersetzenden Arbeitsplätze zu zählen, sondern die Menschen zu finden, die die neuen Arbeitsplätze besetzen können. Die Differenz der Leute, die aus dem Arbeitsmarkt rausgehen und die, die reingehen, werde sich in der brandenburgischen Lausitz in naher Zukunft weiter vergrößern. Ein Grund dafür sei, dass der demografische Wandel schneller ist, als alle denkbaren Arbeitsplatz-Abbauszenarien rund um die Kohle.

Eine Arbeitsmarktreserve, wie es in der Studie heißt, sind die rund 23.000 Menschen aus Cottbus, Spree-Neiße, Elbe-Elster und Oberspreewald-Lausitz, die zur Arbeit in andere Regionen pendeln. Um dieses Potenzial, auch im Bereich der Einpendler, weiter zu erhöhen, müsse die Erreichbarkeit durch weitere Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur im Fokus stehen, meint auch Friederike Haase. Doch angesichts der Größenordnung des absehbaren Arbeitsmarktungleichgewichts seien nicht nur die internen Arbeitsmarktreserven der Lausitz, sondern auch die innerhalb Deutschlands zu klein. Prof. Steinbach stoß besonders ein Fakt der Studie bitter auf. So gibt es rund 3.000 junge Menschen in Brandenburg, die aktuell nicht in Ausbildung sind. „Das ist der helle Wahnsinn“, meint Brandenburgs Minister. Dem könne seiner Meinung nach nur durch Aufklärung im Elternhaus und eine stärkere Berufsorientierung in der Schule entgegengewirkt werden.
„Jetzt sind die Jobs wieder vor der Haustür“
Zur Bewältigung der schon jetzt spürbaren und noch größer werdenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt durch fehlende Arbeitnehmer geben die Forscher der BTU unter anderem folgende Empfehlungen: „Absolventen der Lausitzer Hochschulen in der Region halten, bereits in der Lausitz lebende Ausländer in den Arbeitsmarkt integrieren, Zuwanderung aus dem In- und Ausland forcieren.“ Diese Gewinnung der Arbeitsplätze aus den unterschiedlichen Quellen werde allerdings nur gelingen, wenn die Region ein positives Image hat, machte Prof. Steinbach auch im Hinblick der kommenden Landtags- und Kommunalwahlen deutlich. Bei der Gewinnung ausländischer Fachkräfte könnten die bisher rund 10 Welcome-Center in der Region noch eine große Rolle spielen.
„Jetzt sind die Jobs wieder vor der Haustür“, sodass die Menschen nicht mehr pendeln müssen“, so der Minister weiter, der damit auf eine kürzlich gestartete Imagekampagne aus Teltow-Fläming mit der Botschaft: „Kürzer pendeln, besser leben“ verwies. Auch der Punkt Unternehmensnachfolge müsse laut Prof. Steinbach einen stärkeren Fokus bekommen. „Das beste Handeln für das eigene Lebenswerk ist es, wenn man sich frühzeitig um die Unternehmensnachfolge kümmert“. So gäbe es heutzutage schon Programme, die über 10 Jahre angelegt werden, bei dem Nachfolger Stück für Stück Anteile des Unternehmens erwerben können.
Info
Mehr als zehn Milliarden Euro werden derzeit in den Lausitzer Strukturwandel investiert. Bund und Land setzen eine Vielzahl von Projekten um: vom ICE-Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn und der Medizinische Universität Lausitz über Industrieansiedlungen bis öffentliche Fürsorge, Kultur und Tourismus. Dadurch entstehen Tausende neue Arbeitsplätze.
Bereits im Jahr 2021 hat Brandenburg die Begleitforschung zur Strukturentwicklung in Auftrag gegeben, um externen Rat und Expertise für einen Erfolg des Wandels einzuholen. Mit der Begleitforschung sind die BTU und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle beauftragt worden. Im Rahmen des Auftrages werden auch Strategiepapiere erstellt, die aktuelle Themen und Probleme beleuchten und Handlungsempfehlungen geben. Bisher wurden erarbeitet:
- Policy Brief I: „Evaluierung, Monitoring und wissenschaftliche Begleitung des Strukturwandels in der Lausitz“
- Policy Brief II „Im Osten was Neues? Strukturwandel in der Lausitz – eine Zwischenbilanz“
- Policy Brief III: „Engpass Arbeitsmarkt?! Chance und Risiko für den Strukturwandel in der brandenburgischen Lausitz“
„STARK für die LAUSITZ“ mit großem Spree-Neiße-Special
Im Oktober 2023 erschienen ist die Herbstausgabe des „STARK für die LAUSITZ“-Magazins. Dieses Magazin ist von den Leuchtturm-Projekten des Landkreises Spree-Neiße sowie der Städte Forst, Guben und Spremberg geprägt. Darin geht es auch um ein 15-geschössiges Fachkräftecollege im Industriepark Schwarze Pumpe (Seite 26). Natürlich werfen wir aber auch wie immer einen Blick auf aktuelle Entwicklungen in der Oberlausitz. Das alles haben wir unter dem Titel „Wandel durch Innovation“ auf 48 Seiten kompakt dargestellt. Hier geht’s zum kostenfreien E-Paper.
